
Zu Offenbarung 1,9-19 Letzter Sonntag nach Epiphanias 2026
Hinführung zur Lesung
Liebe Gemeinde,
heute am letzten Sonntag nach Epiphanias wird noch einmal ein richtiges Textfeuerwerk entzündet, um auch dem letzten zweifelnden Menschen klarzumachen: Gott ist zu unserem Heil erschienen. Der letzte Sonntag nach Epiphanias ist mit dem Evangelium von der Verklärung Jesu ein Vorgeschmack auf seine Auferstehung, bevor wir als Gemeinde die Passionszeit durchschreiten und den Weg des Leidens Jesu bis zum Tod am Kreuz mitgehen. Aber auch die anderen Lesungen des Sonntags stehen in der Bedeutung, wie Gott den Menschen erscheint, dem Evangelium in nichts nach. In der alttestamentlichen Lesung hör(t)en wir, wie G*tt sich Mose im lodernden Dornbusch offenbart, in der paulinischen Epistel (2. Korinther 4,6-10), dass das Licht Gottes und seine Herrlichkeit in uns sterblichen Menschen nur schwach aufleuchtet, damit wir selbst nicht zu Übermenschen werden und damit allein Gott göttlich bleibt. Epiphanias ist die Lichtexplosion schlechthin, weil hier Gott in seinem ewigen Licht und Glanz erscheint. Gott erscheint auch in unserem Predigttext als dieses göttliche Licht. Keine Finsternis kann ihm etwas anhaben. Nichts kann dieses Licht trüben. Kein Leiden hält es auf. Es erhellt alles. Alles wird klar und offenbar. Das Gute und das Schlechte. Die Schuld und die Liebe. Der Tod und das Leben. Es ist ein Mensch, der dieses Licht sieht. Und alle, die durch ihn dieses Licht sehen und es anschauen, d. h. sich dahinein versenken, bekommen Anteil an diesem Licht und können im Glauben – mögen Welt und Teufel auch toben – ihr Leben bestehen. Ich lese den Predigttext aus dem Buch der Offenbarung, aus dem ersten Kapitel, die Verse 9-18.
9Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen.
10Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, 11die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.
12Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter 13und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. 14Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme 15und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; 16und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.
17Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Christus erscheint dem Seher Johannes
Liebe Gemeinde,
der Seher Johannes bekommt diese Vision des Auferstandenen geschenkt. Das Bild, das er vom Auferstandenen zeichnet, ist geprägt von seiner eigenen Bilderwelt. Wie anders sollte sich Gott uns zeigen als durch die „Brille“, die wir aufhaben? Denn ohne uns kann nichts von Gott in uns aufleuchten. Die Bilder, die hier Johannes vom Auferstandenen zeigt, mögen uns fremd sein, vielleicht sogar abschrecken, aber sie enthalten etwas sehr Wertvolles für unseren Glauben und für unser Gemeindeverständnis durch die Zeiten hindurch. Es ist der auferstandene Jesus von Nazareth, der unter den sieben namentlich im Predigttext aufgezählten Gemeinden gegenwärtig ist mit seiner Macht und Herrlichkeit. Die sieben Leuchter repräsentieren die sieben Gemeinden in Kleinasien. Es sind schlichte Ortsgemeinden, unter denen der Auferstandene lebt. Es ist nicht Rom, es ist nicht Byzanz, es ist nicht Alexandria. Es sind sieben Gemeinden aus teils unbedeutenden Städten oder Dörfern. In der Regel waren das Hauskirchen in der Ortsgemeinde. Dort haben sich eine Handvoll Christen versammelt und zu Christus gebetet. Wo eine Handvoll Christen beieinander sind und beten, da ist der Auferstandene Christus präsent, wie es schon das Evangelium nach Matthäus sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“(Matthäus 18,20) Diese kleinen Gemeinden waren in der Zeit, als der wegen seines Glaubens nach Patmos verbannte Seher Johannes seine Vision aufschreibt, selbst um ihres Glaubens willen bedroht. Von einem heißt es in der Offenbarung, er sei als Märtyrer gestorben. Es kostete unter Umständen das Leben, den eigenen Glauben zu bezeugen. Das ist bis heute in vielen Regionen der Welt nicht anders.
Versetzen wir uns einmal in die Lage eines Menschen, der wegen seines Glaubens an Jesus Christus bedroht ist, verfolgt wird oder gar um sein Leben fürchten muss, und hören wir aus seiner Sicht die Lesung noch einmal.
(Lesung erneut wie oben)
Welche Botschaft enthält die Vision?
Fürchte dich nicht. Diese drei Worte sind die frohe Botschaft. Hier dem Sinn nach nicht auf den einzelnen Menschen, sondern auf die sieben Gemeinden bezogen. Fürchte dich nicht, mag auch alles bedrohlich sein und mögt ihr nicht wissen, wie und ob es weitergeht. Fürchte dich nicht.
Ich habe die Macht, sagt der auferstandene Christus. Ich selbst bin der Schlüssel, denn ich habe den Tod überwunden und ich habe den Schlüssel zur Unterwelt. Da Christus selbst hinabgestiegen ist in das Reich des Todes, hat er den Schlüssel des Totenreichs. Er hat das Totenreich geöffnet, so dass auch die Menschen am Heil teilhaben können, die vor seinem Kommen und seiner Auferstehung gelebt haben.
Erfahrungen mit Christus und neue Fragen
Ich weiß nicht, ob die christliche Lehre zur Zeit des Sehers Johannes schon in der Art fest ausgeformt war, wie ich es gerade beschrieben habe. Die großen christlichen Glaubensbekenntnisse wie das Apostolikum oder das Nizänum existierten noch gar nicht. Der Glaube als Lehr- und Dogmensystem war noch keine feste Orientierungsgröße für die Gläubigen. Sie lebten aus ihren Erfahrungen mit Christus und den Erfahrungen der Schwestern und Brüder der Gemeinde. Diese Erfahrungen versuchten sie zu deuten und einzuordnen: Entsprechen sie noch dem Geist Jesu oder eher nicht? Was führt weiter, was spaltet eher, was schenkt Orientierung, wenn der äußere Druck steigt? Was hilft, treu im Glauben zu stehen? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen? Wie können wir Gott mehr gehorchen als den Menschen? Wie können wir uns dem Zugriff des Kaiserkults entziehen und allein Gott anbeten?
Mitten in diese Fragen und in ihre Bedrängnis hinein lesen die Gemeinden die Worte des Sehers. Das ist eine große Sache, sie hören und sehen bildlich, wie der Auferstandene zu ihnen spricht:
Fürchte dich nicht. Das ist Trost mitten in der Bedrängnis. Das ermutigt im Glauben treu zu sein und setzt Kräfte frei.
Fürchte dich nicht. Das ist Gottes Gegenwelt zur Ungerechtigkeit, ein Versprechen auf Heilung, eine Zusage von Frieden und Versöhnung, ein Abwischen aller Tränen, ein Versammeln aller Völker an einem Tisch.
Fürchte dich nicht. Das ist gegen den Tod gesagt. Gegen das Nichts. Gegen die Kälte. Gegen das Töten. Gegen die Einsamkeit. Gegen die Sorgen.
Fürchte dich nicht. Wo das geschieht, da erscheint Gott in seiner ganzen Herrlichkeit.
Herausforderungen als Ortsgemeinde heute
Liebe Gemeinde,
unsere Bedrängnisse, unsere Trübsale – heute nennen wir sie unsere Herausforderungen – als Gemeinde sind andere als die zur Zeit des Sehers Johannes. Es ist jetzt nicht die Zeit, die Unterschiede oder die Parallelen aufzuzeigen. Ich möchte uns aber anregen, uns einmal vorzustellen, in was für einem Bild der Auferstandene Christus heute zu uns spricht. Was wäre seine Botschaft für uns? Vielleicht: Behaltet eure Kirchen; sie sind ein Fingerzeig für eine himmlische Wirklichkeit? Verabschiedet euch von der Kirchensteuer, sie bindet euch – wie vieles andere – zu sehr an den Staat? Duckt euch nicht weg in einer pluralistischen Gesellschaft? Öffnet eure Kirchen für die Menschen im Quartier? Steht für euren Glauben und für eure Werte ein, bewahrt alles Leben und folgt der Gewaltlosigkeit Jesu? Oder doch, greift zu den Waffen, geht mit Gewalt gegen das Böse vor, bevor die Tyrannen euch beherrschen? Schützt vor allen Dingen die Opfer, wenn nötig mit Gewalt?
Der auferstandene Christus erscheint uns in immer neuen Bildern, aber immer mit der Botschaft: Fürchte dich nicht. Seine Worte sprechen in unsere Situation hinein: Lydia-Gemeinde in Herzogenrath, sei nicht verzagt, auch wenn du dich fragst: Wie werden wir zukünftig mit weniger Pfarrpersonen auskommen? Welche Gebäude werden wir noch finanzieren können? Welche Gottesdienste noch feiern können? Welche Aufgaben noch ausführen? Dann erinnere dich daran, der Auferstandene ist mitten unter dir, der Engel der Gemeinde passt auf dich auf. Du musst das alles nicht aus eigener Kraft tun. Gott ist deine Quelle für das: „Fürchte dich nicht“ oder das: „Friede sei mit dir“, wie wir es uns gleich in der Mahlfeier zusprechen werden.
Literatur:
Klaus Berger: Kommentar zum Neuen Testament, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 4. Auflage 2020
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