… ist im Einleitungstext alles gesagt. Die Homepage www.der-schwache-glaube.de ist auf die Blog-Seite umgezogen.
Zur Internet-Präsenz gehören Twitter und Facebook. Wenn ich auf interessante Links stoße, dann twittere ich sie meistens. Auf der Seite von Facebook reagiere ich auf das, was andere schreiben oder ich poste mal ein Bild, manchmal auch ein Hinweis auf neu eingestellte Beiträge.
„Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes.“ Römer 12,2
Liebe Gemeinde,
wir spüren es schon länger, dass die Gemeinden vor Ort sich verwandeln müssen. Als Kirche der Reformation haben wir theologisch immer von der Reformation als unabgeschlossenen Prozess gesprochen. Ecclesia semper reformanda, gehandelt haben wir aber oft nicht danach. Wir sind Teil dieses Anpassungsdrucks und es fällt uns schwer, liebgewordenes sein zu lassen, uns zu verabschieden von Strukturen, Handlungsfeldern, Gebäuden und vor allem von unseren Kirchen, die in einer säkularisierten Welt steingewordene Himmelszeichen sind: Orte der Erinnerung, Besinnung und Vergegenwärtigung Gottes.
dass die Gemeinden vor Ort sich verwandeln müssen
Wenn wir in die Kirchengeschichte schauen, gibt es grob gesagt verschiedene Phasen wie sich das Verhältnis von Kirche und Staat, Religion und Gesellschaft, Glaube und Wissenschaft, Dogma und gelebte Religion aufeinander bezogen und gegenseitig durchdrungen haben. Wir sprechen hier nicht umsonst von der Geschichte des christlichen Abendlandes, immer noch spürbar in den westlich liberalen Demokratien.
Schub in Richtung Subjektivierung und Individualismus
Die Freiheit des Geistes als Freiheit des Glaubens bündelt sich in vielen Lebensgeschichten der reformatorischen Bewegung. Luthers Worte auf dem Reichstag in Worms im Angesichts des Kaisers: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ markieren deutlich den Übergang in die Neuzeit. Der einheitliche religiöse Himmel zerfällt, die Macht und Kleinstaaterei stützt diesen Prozess und sichert ihn ab. Luthers Bindung an das Wort der Heiligen Schrift und seine Berufung auf sein Gewissen sind zwar nicht der Beginn, aber bewirken einen mächtigen Schub in Richtung Subjektivierung und Individualismus, der bis in die Moderne und heutige Spätmoderne anhält. Mit der Kehrseite eines ungezügelten Individualismus einer zersplitterten Gesellschaft haben wir heute zu kämpfen.
Die katholische Kirche reibt sich bis heute an der Moderne
Die katholische Kirche reibt sich bis heute an der Moderne, Teile von ihr inszenieren sich vormodernistisch und suchen ihr Heil rückwärtsgewandt. Diese Tendenzen gibt es auch in evangelischen Strömungen. Nicht so sehr in der Institution Kirche, aber recht lebendig an der Basis. Zahlreiche Christinfluencer:innen zeugen davon. In Zeiten einer allgemeinen Verunsicherung wird nach eindeutigen Antworten und stark geregelten Lebensentwürfen gesucht.
Die fetten Jahre sind vorbei. Sie sind Geschichte.
Was wir als Kirche und Gemeinden insgesamt sicherlich unterschätzt haben als unsere Gruppen und Kreise noch boomten, Gemeindehäuser ab den 60er Jahren wie Pilze aus dem Boden sprießten, ist der schleichende Prozess der Säkularisierung in der Gesellschaft. Die Restauration der deutschen Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg und die Partizipation am Wirtschaftsaufschwung durch die Kirchensteuer, die noch als selbstverständlich geltende über Jahrhunderte sozial eingeübte Deckungsgleichheit von Bürger-Sein und Kirchenmitglied-Sein haben zur Überdehnung des Gebäudebestands und des Gottesdienstangebots geführt.
Wir können auch sagen. Die fetten Jahre sind vorbei. Sie sind Geschichte.
Sie werden nicht mehr zurück kehren.
Paulus rät der Gemeinde in Rom: „Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes.“
Die christliche Gemeinde in Rom ist in einer absoluten Minderheitensituation. Auch wenn die beiden großen Kirchen mit ihren Mitgliederzahlen in Deutschland inzwischen unterhalb der 50% des Bevölkerungsanteils gesunken sind, befinden wir uns nicht in einer Minderheitensituation, aber wir bewegen uns hin zu einer relativen Größe. Wir müssen uns nicht kleiner machen als wir sind, aber wir sollten in einer auch religiös-pluralistischen Gesellschaft eine ehrliche Standortbestimmung vornehmen und die Zukunft in den Blick nehmen.
eine ehrliche Standortbestimmung vornehmen
Es geht um Verwandlung. Verwandlung ist mehr als das eher technisch klingende Wort Transformationsprozess. Beschreibt ein Transformationsprozess eher strukturelle Prozesse wie die Umstellung in eine nachhaltige Wirtschaft oder wie die Veränderung unserer Berufswelt durch KI, bezieht sich Verwandlung auf unser Mindset. Paulus schreibt: Lasst euch verwandeln. Hier ist Verwandlung kein aktives Handeln, kein Aktionismus des Menschen. Die Verwandlung geht von Gott aus. Gottes Geist kann Menschen ergreifen und neu ausrichten. Wir können noch soviel Vorsorge tragen und unsere Zukunft als Kirche gestalten, aber ohne eine tiefgreifende Verwandlung – uns sei sie nur als Suchbewegung vorhanden – dienen alle Bemühungen nur dem Selbsterhalt der Institution Kirche. Von Institutionen haben die Menschen aber genug. Ihnen trauen sie nicht mehr. Sie laufen in Scharen weg. Nein, ich denke, wir brauchen Institutionen. Wir brauchen auch die Kirche als Institution, aber wir brauchen alle Erneuerung. Eine Wiederbelebung des Gottesdienstes, ja, der Verehrung Gottes. Und gleichzeitig eine Hinwendung zu den Menschen, ein Hinhören, einen Glauben, der sich in Liebe äußert.
Die Frage nach Spiritualität, nach Glaubenserfahrungen und einem Leben, das sich nach Gott ausrichtet ohne die Welt zu verteufeln, stellt sich heute neu.
Natürlich erleben wir Verluste. Und Verluste sind kein Pappenstiel. Wir werden weniger. Auch das ist schmerzvoll. Aber das ist nicht das Ende. Der tschechische Theologe Thomás Halík sieht das Christentum in seiner Glaubensgeschichte am Nachmittag angekommen. Die Kirche hat den Morgen erlebt, die Zeit der Entstehung und des Aufbruchs; die Kirche hat den Mittag erlebt, die prägende Zeit ihrer gesellschaftlichen Bedeutung mit allen Verstrickungen darin, jetzt erlebt sie den Nachmittag. Viele Selbstverständlichkeiten verschwinden. Der Nachmittag ist ein ganz neuer Abschnitt. Er ist gekennzeichnet von vielen Fragen und einer Suchbewegung der Christenheit. Die Frage nach Spiritualität, nach Glaubenserfahrungen und einem Leben, das sich nach Gott ausrichtet ohne die Welt zu verteufeln, stellt sich heute neu. Es geht um ein tieferes Verständnis und Eintauchen in Glaubenswelten, nicht um dogmatische Wahrheiten, sondern um ein existentielles Erleben der Gottesbeziehung. Auch das ist eine Erneuerung des Sinns, der wir uns heute öffnen können. Wir gemeinsam. Denn Kirche ist die Gemeinschaft der Glaubenden. „Lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes.“
Gerhard Tersteegen, Abhandlungen zu Frömmigkeit und Theologie, herausgegeben von Johannes Burkardt, Edition Pietismus Texte, Band 12, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2018, Paperback, 356 Seiten, ISBN: 978-3-374-05357-5, Print, 24,00 Euro
Das Cover
Das Cover zeigt nicht Gerhard Tersteegen, sondern Jesus Christus als Heilkundler oder Apotheker (Seelenarzt), weil es ein Portrait Tersteegens nicht gibt. Einen kurzen Kommentar dazu gibt das Impressum: „Tersteegen benutzte häufig Metaphern aus dem medizinischen Bereich zur Beschreibung der göttlichen Fürsorge.“ (S. 4) Das Bild stellt also eher eine symbolische Verbindung zu Tersteegen her. Das Aussehen Tersteegens selbst bleibt im Dunkeln.
„editorische Notiz“
Im Inhaltsverzeichnis sind zuerst die dokumentierten Schriften aufgeführt; danach folgen u. a. die editorische Notiz, das Nachwort und ein Literaturverzeichnis.
Da die Schriften Tersteegens mehrfach aufgelegt und dabei immer verändert und ergänzt wurden, lohnt es sich, die „editorische Notiz“ zuerst zu lesen (Seite 303-310). Hieraus geht hervor, dass das in mehreren Auflagen herausgegebene Hauptwerk Gerhard Tersteegens (1697 – 1769) das Buch Weg der Wahrheit ist. Die weiteren Auflagen dieser Schrift sind 1735,1750,1753, 1768 und posthum 1781 erschienen (vgl. „Verzeichnis der abgekürzten Literatur“, S. 347 d.). Die Zuordnung der jeweiligen Abhandlungen sind in der editorischen Notiz erläutert.
Das Nachwort
Wer zunächst eine informative Einleitung erwartete, wird im Nachwort belohnt. Hier wird die Redaktion dieser Ausgabe erläutert und jede einzelne Schrift inhaltlich kurz zusammengefasst.
Es lohnt sich, diese Zusammenfassungen bei der Lektüre der jeweiligen Texte nachzulesen. Diese wird dadurch ergänzt, jedoch keinesfalls ersetzt, zumal in ihnen die verschiedener Varianten der Druckausgabe dokumentiert werden.
Entwicklung im Denken Tersteegens
Das Hauptinteresse des Buches liegt darin, in der Abfolge der einzelnen Varianten eine Entwicklung im Denken Tersteegens zu beobachten und danach zu fragen, inwieweit dieser eher Mystiker, Lyriker, Theologe oder pietistischer Prediger war, oder vielleicht alles ein wenig.
„Ich bete an die Macht der Liebe“
Der Herausgeber des Buches ist Johannes Burkardt, promovierter Historiker und Archivleiter am Landesarchiv NRW Detmold. Er hat den Titel selbst formuliert und die dortige Textauswahl in der Reihenfolge ihrer Entstehung herausgegeben. So reicht zum Beispiel der Titel „Von dem Unterschied und Fortgang in der Gottseligkeit“ (S. 7-57) zurück auf ein von Gerhard Tersteegen selbst formuliertes Vorwort seiner Übersetzung der Bernieres-Louvigny Schrift Das verborgene Leben mit Christo in Gott (1728; vgl. Johannes Burkardt: Gerhard Tersteegen, Die Bernières-Louvigny-Űbersetzungen, Luther-Verlag Bielefeld 2023, Rez. Till Kinzel, JWKG 121, 2025, S. 389-392). Diese Schrift ist damit noch eher erschienen als Tersteegens Gedichtausgabe Geistliches Blumengärtlein von 1729 mit den bekannten Kirchenliedern Tersteegens „Für dich sei ganz mein Herz und Leben“ (EG RWL 661; mit der 2. Strophe „Ich bete an die Macht der Liebe“) und „Gott ist gegenwärtig“ (EG 165).
Nur drei Texte dieses Bandes sind in keiner Ausgabe vom Weg der Wahrheit, dem Hauptwerk Tersteegens enthalten, so „Judas excommuniciert…“ (S. 148-191) und „Vom Separatismo und der Herunterlassung“ (S. 292-302). Diese sind posthum 1785 in der Ausgabe Nachgelassene Aufsätze und Abhandlungen (Essen 1842) erschienen. Der Titel „Beweis, dass man demjenigen, der von Gott in seinem Gewissen zurückgehalten wird, mit zum Abendmahl zu gehen, seine Gewissensfreiheit ungekrängt lassen müsse“ (S. 270-291) ist in keiner gedruckten Ausgabe enthalten.
Editionsphilologisch gibt J. B. nach Abgleichung aller gedruckten Ausgaben den ältesten Textbestand wieder, Ergänzungen und Veränderungen erscheinen jedoch als Anmerkungen. Die Tersteegen-Ausgabe Edition Pietismus Texte kann somit auch weiterhin zur Erforschung der Geschichte des Pietismus herangezogen werden.
Pietist und Mystiker
Gerhard Tersteegen verstand versteht sich als Pietist und Mystiker. Seine Heimatstadt Moers gehörte zu den Generalstaaten der Niederlande. Er war auf den Namen Gerrit Ter Steegen getauft worden und gehörte Zeit seines Lebens der Reformierten Kirche an. In den vorliegenden Editionen kürzte er seinen Namen mit Initialen GTS ab und verfasste einige der hier vorgelegten Schriften zunächst als Briefbeilage in niederländischer Sprache, bevor er sie selbst ins Deutsche übersetzte. Entsprechend müsste sein Name eigentlich in niederländischer Form und nicht in deutscher Transkription wiedergegeben werden. J. B. hält sich indessen an die übliche Schreibweise.
Mystik als eine Verinnerlichung des Christus
Tersteegen verstand Mystik als eine Verinnerlichung des Christus: „…Fangen die Seelen an/ in einem mehr kindlichen Sinn einzugehen/ und das einfältige/ arme/ verachtete und verborgene ‚Creutz=Leben‘ JEsu Christi anzutretten/ da dann ihnen gar andere Lectiones als vorher vorgelegt werden. Die Leyden/ die Armut und die Schmach Christi muss sie lernen lieb gewinnen und hingegen; … /Die Reichtümer und Schätze der Erden… meiden und fliehen.“ (S. 21, die hier dargestellte Transkription dieser Ausgabe werde ich im Fortgang des Textes vereinfachen, ohne den Sinn zu entstellen, d. Rez.).
„Das verborgene Leben in Christus“
Die Form des Titels „Das verborgene Leben in Christus“ ist eine versteckte Formel, die zugleich sein pietistisches Selbstverständnis wiedergibt: Eine mystische Einstellung zu Gott, wie sie zuerst vom Apostel Paulus vertreten wurde, ist konfessionell unabhängig. Aus diesem Grund dürfte Gerhard Tersteegen ökumenische Kontakte zu den evangelisch-reformiert orientierten Gemeinden oder Fürstenhäusern in Westfalen und vor allem im Rheinland gepflegt haben (die o. g. Bernières-Louvigny Übersetzungen dokumentieren eine ähnliche Aufgeschlossenheit für entsprechende Erscheinungen innerhalb der römisch-katholischen Kirche).
Diese als mystische Theologie bezeichnete Einstellung wird im Folgenden noch einmal in einer Ergänzung von 1756 bekräftigt und auf einige Theologen verwiesen z. B. Philipp Jakob Spener, (Anmerkung hier zuerst Lateinisch, dann Deutsch: „Weil in der mystischen Theologie viel mehr Gesundes und Kräftiges gewesen, dadurch das Herz gerührt werden könne, als in der SchulTheologie.“ (S. 34, Anm. 49, d. i. DVL 1756).
Zum Teil wechselt Tersteegen in einen rhetorischen Stil, der durch viele Bibelzitate illustriert wird: „… der …einzige, wahre und unwanckelbare Grund des inwendigen Lebens ist die inwendige (oder mystische) Glaubens-Vereinigung und Gemeinschaft mit Christo Jesu …“ (S. 43). Das hier so genannte „inwendige Leben“ in Christus ist nicht unabhängig von der biblischen Botschaft, muss aber als Privatreligion nicht in einer bestimmten konfessionellen Richtung praktiziert werden.
„Anleitung zum Lesen der Heiligen Schrift“
Dieses Thema wird in der „Anleitung zum Lesen der Heiligen Schrift“ aufgenommen: bei der Lektüre der Bibel kann es nicht bleiben: „… dieses Denkmal bringst du uns vor die Ohren, vor die
Augen und in unsere Hände und dennoch vergisset man deiner und lebet als ohne GOtt in der Welt …“ (S. 66). Die Theologie dagegen muss zur Erfahrung führen, „denn die Gottes-Gelehrtheit besteht ganz in der Erfahrung, erst muss man schmecken und dann sehen, wie bitter die Sünde und wie freundlich der Herr sei…“ (S. 77). Anders gesagt: Die Liebe Gottes muss praktiziert werden. Glaube ist weniger eine Lehre als vielmehr eine Lebenspraxis: „Im Beten, im Tun, im Verleugnen, im Sammeln, im Leiden sich übende Seele wird der göttlichen Erleuchtung immer mehr fähig und teilhaftig… (S. 86), Tersteegen plädiert für eine meditative Art der Bibel Lektüre; man solle nicht zu viel auf einmal lesen. (vgl. S. 107)
„Sendschreiben von der Vernunft, deren Fähigkeit, Gebrauch und Missbrauch im Göttlichen“
Das „Sendschreiben von der Vernunft, deren Fähigkeit, Gebrauch und Missbrauch im Göttlichen“ (S.112 – 143) wird als Antwort auf einen Brief bezeichnet, und war zuerst auf Niederländisch verfasst und verbreitet (vgl. S. 114). Seit 1735 ist er Teil des Buches Weg der Wahrheit (s.o., vgl. editorische Notiz). Die Frage nach der Erkenntnis Gottes wird als „Theosophie“ bezeichnet, in der Philosophie auch als „Metaphysik“ (Anm., S. 115). Dagegen betont die Theologie, dass die Erkenntnis Gottes vom Verstand aus nicht nötig ist, Religion sei eben Erkenntnis des Herzens (vgl. S. 119).
Die Bibel redet vom Verstand abwertend und bezeichnet ihn als irdische Weisheit (vgl. S. 121), während die subjektive Wahrheit nicht hinterfragt werden kann: „was man gesehen hat, das weiß man“ (S. 124). So ist es möglich, Schlüsse der Erfahrungen zu nennen, die auf Gott hinweisen. Dazu gibt Tersteegen biblische Hinweise. Die Reflexion des Frommen kann zu Selbstgefälligkeit führen. Tersteegen vielmehr: „die Wege Gottes werden so viel unbegreiflicher, so viel göttlicher als sie werden. Gott bequemet sich wohl einigermaßen nach der Schwachheit, aber man muss doch endlich lernen, sich überlassen und verlieren. Selig sind die nicht sehen und doch glauben.“ (S. 138).
Der Begrff „Negative Theologie“, den Mystiker nach dem Pseudo-Dionysios Areopagita geprägt haben, kommt bei Tersteegen zwar nicht vor, ist aber zu berücksichtigen, vor allem wenn es um die von ihm vertretene Mystik geht; vgl. „Handbrieflein von der Mystik“ (1735, S. 144-147; seit 1750 in Weg der Wahrheit enthalten.)
„Kurzen Bericht von der Mystik“
Dieser Text ist verwandt mit dem „Kurzen Bericht von der Mystik“, (S. 260 – 269, 1768). Zwischen beiden Texten liegen über 30 Jahre. Bis kurz vor seinem Tod 1769 versteht sich Tersteegen als Mystiker beziehungsweise orientiert sich an der Mystik. 1735 schreibt er: „…ganz vor Gott sein, ist das wahre Geheimnis des inwendigen (mystischen) Lebens, wovon Ihnen die Leute so seltsame und fürchterliche Bilder machen: es ist nichts einfältiger, sicherer lieblicher, fruchtbarer als dieses Herzensleben… Das Werk des Geistes Jesu in uns als unser eigenes Werck“. (S. 144). Noch einmal: „das Wahre inwendige Leben ist … Der uralte und wahre Gottesdienst, das christliche Leben.“ (Seite 146).
Somit kann die Glaubenspraxis den Gottesdienst ersetzen. Ein Leben, das nicht von der Liebe Gottes geprägt ist, mag noch so fromm sein, christlich ist es nicht. Wer mag, kann das Pietismus nennen, Tersteegen selbst tut es hier nicht. 30 Jahre später zeigt er das hier Genannte am Vorbild des Apostels Paulus, der diese Gotteserfahrung „Erleuchtung“ genannt hat. Hier findet sich auch ein Abschnitt, in dem kurz gesagt Glaubenserfahrung mit Mystik gleichgesetzt wird: „… das Leben Gottes, da der Mensch oder das ich, nicht sich lebet, sondern Christus in ihm.“ (S. 265).
„Judas exkommuniziert, oder Verhandlung vor dem Abendmahl Judä Iskarioth“
Diese Einheit mit Christus ist die Voraussetzung zur Heiligung im reformierten Sinn. Durch diese Begriffswahl wird Tersteegens Position als theologisch interessiert und im reformierten Sinn gedacht deutlich, die auch im weiteren Text gezeigt wird. Die reformierte Position zeigt ein strengeres Verständnis des Abendmahls, das letztlich dazu führt, auf die Teilnahme eines volkskirchlichen Gottesdienstes oder die Teilnahme am Abendmahl ganz zu verzichten, so im Text 5: „Judas exkommuniziert, oder Verhandlung vor dem Abendmahl Judä Iskarioth“ (S. 148).
Hier zeigt Tersteegen, dass Judas unmöglich am Abendmahl Jesu teilgenommen und den gesegneten Kelch Jesu empfangen hat. Interessant ist diese Exegese insofern, als er versucht, die teilweise sehr abweichenden biblischen Zeugnisse zu einem konkreten Ablauf zu harmonisieren, und den im Evangelium des Johannes überlieferten Ablauf des Abends vor Jesu Kreuzigung zu rekonstruieren. Dabei vertraut er im Gegensatz zur späteren historisch-kritischen Exegese der Historizität der Quellen. Die Darstellung ist ebenso gründlich wie einseitig auf den reformierten Verständnishorizont beschränkt. Dieser Kontext wird in den späteren Texten 9 und 10 durch die einzigen Calvin-Zitate des gesamten Buches offensichtlich.
Die Theologie vermag sich indessen nicht von den fortschreitenden Erkenntnissen der historisch-kritischen Exegese zu dispensieren. J. B. nennt die theologische Arbeit Tersteegens zwar exegetisch, was jedoch nur sehr eingeschränkt der Fall war. Tersteegen rekonstruiert aus inhaltlich nicht widersprüchlichen Textfragmenten eine für ihn historisch erwiesene Geschichte, die sich allerdings nicht als tragfähig erweist. Wenn man bekannte künstlerische Darstellungen des Abendmahls sieht, wie z. B. von Tilman Riemenschneider, so ist dabei immer auch Judas anwesend. Zum Verräter wird er erst danach.
„Warnschreiben gegen die Leichtsinnigkeit“
Das „Warnschreiben gegen die Leichtsinnigkeit“ von 1747 (S. 192 – 226) findet sich seit 1750 in der Sammlung Weg der Wahrheit. Hier gibt es eine deutliche Positionierung zum Pietismus: Tersteegen vermisst in erweckten Kreisen die „Heiligung“, also die Veränderungen des Alltags, der aus dem Glauben folgt (vgl. S. 196 f.). Glaubende Bibelleser sollen nicht nur Paulus, sondern auch Petrus und Jakobus lesen, Apostel, die das Tun des Glaubens betonen. Daraus folgt auch, dass „Bekehrung“ nicht ein „Ereignis einiger Stunden“ sein kann, sondern ein längerer, wenn nicht sogar andauernder Prozess. Glaube ist nicht einmalig oder ewig. Er muss anwachsen und vollendet werden (vgl. S. 207). In der Mitte des Textes wird der Begriff der Gesetzlichkeit bedacht. Zur Abgrenzung schreibt Tersteegen: „Aber das ist gesetzlich, diese und andere Sachen zu tun mit einem unveränderten Herzen, um Gott und seinem Gewissen mit einem bloß getanen Werk zu befriedigen.“ (S. 217 f.).
„Erklärung über einige Punkte von dem Glauben, der Rechtfertigung, dem geschriebenen Worte Gottes.“
Am Ende dieses Berichts steht „Erklärung über einige Punkte von dem Glauben, der Rechtfertigung, dem geschriebenen Worte Gottes.“ (S. 227 – 259). Laut Nachwort hat Tersteegen diesen Text als „Berlinischen Brief“ bezeichnet, den er 1754 auf Verlangen der Obrigkeit vorgelegt hat (Moers war seit 1712 preußisch). Er hat damit Anfragen aus dem Konsistorium beantwortet. Der Text wurde 1763 separat gedruckt und 1768 in den Weg der Wahrheit aufgenommen. (vgl. editorische Notiz, S.307 f.). Interessant ist, dass er die einzelnen Abschnitte in Gebetsform zusammengefasst hat. Glaube ist nach Tersteegen keine einmalige Sache: „Wir müssen aber nicht nur einmal, sondern unaufhörlich glauben, und in dem Glauben wachsen, gegründet und bewähret werden, so wird auch unsere Rechtfertigung immer fester und edler werden.“ (S. Seite 231).
Fazit
Johannes Burkardt hat mit der Akribie des Historikers die Entstehungsgeschichte der wichtigsten Schriften Gerhard Tersteegens rekonstruiert und die jeweils älteste Fassung um die Erweiterungen ergänzt. Man darf gespannt sein, welche Beiträge über Tersteegens reformierten Pietismus noch folgen werden.
Nach mehrjähriger Pause hatte ich in diesem Jahr wieder Gelegenheit, an der Frankfurter Buchmesse teilzunehmen. Da mein letzter Besuch im Jahr 2022 lag – in der Zwischenzeit hatte die gesperrte Rahmedetalbrücke meinen Enthusiasmus etwas gebremst – war ich kurz vor der Anreise tatsächlich etwas aufgeregt. Was würde sich in der Zwischenzeit verändert haben?
Bereits im Vorfeld hatte ich erfahren, dass ein Fokuswechsel auf der Buchmesse erfolgt war: Der Buchverkauf ist seit einigen Jahren an allen Messetagen erlaubt. Für mich kamen in diesem Jahr auch größere Warteschlangen im Innenhof hinzu, aber vielleicht hatte ich 2022 auch nicht so genau drauf geachtet.
Im Rückblick war die Anreise an einem Samstag – einem der Hauptbesuchertage – damit vielleicht ein Fehler.
Die Frankfurter Buchmesse verteilt sich auf mehrere Hallen und belegt dort jeweils mehrere Stockwerke (im Schnitt immer 3-4 Gebäude mit jeweils 1-3 Stockwerken). Die großen Verlage für Belletristik befanden sich meistens in den Erdgeschossen, die in Folge überfüllt wirkten. Dass die primär für Fachbesucher interessanten Bereiche am Samstag schon nicht mehr gut besucht waren, war auch schon in der Vergangenheit so. Neu war aber, dass diese Bereiche am Samstag teilweise schon völlig entvölkert wirkten. Eigentlich schade, da eine bessere Besucherverteilung der Messe insgesamt gutgetan hätte.
Vom Messepartner Tschechien habe ich in diesem Jahr leider nicht viel mitbekommen, dabei fallen eigentlich sinnvolle Themen wie Franz Kafka ein. Möglicherweise gab es hier aber auch noch mehr Angebote in Forum oder Festhalle.
Die Gründe für den Fokuswechsel sind mehr oder weniger offensichtlich:
Messen haben ihre Rolle als Ort von Produktankündigungen weitestgehend an Social Media verloren. Weitere Messefunktionen wie Geschäftsanbahnungen, Socializing oder bei Verbrauchermessen schlichtweg auch Konsum, müssen damit zwangsläufig in den Fokus rücken, um die teuren Messeauftritte der Verlage zu rechtfertigen.
Mein Fazit zur diesjährigen FBM ist somit leider etwas durchmischt. Den Besucherfokus kann ich zwar rein sachlich nachvollziehen, ich bin mir jedoch nicht sicher, ob die FBM schon am Ziel ihrer Transformation angekommen ist. Die Fachbesucherbereiche haben mich am Samstag jedenfalls eher etwas nachdenklich gemacht (vgl. Liminal Spaces). Religion befand sich mit Halle 3.0 in einem der eher etwas überfüllten Bereiche, sodass ich zu diesem Thema auf der diesjährigen FBM leider kaum eine Aussage treffen kann.
Dennoch war die Frankfurter Buchmesse unterm Strich auch in diesem Jahr ein positives Erlebnis. Lässt man sich auf die bunten Konsumangebote ein, kann die FBM auch auf andere Art und Weise unterhalten. Ein klassischer Messebesuch wird durch das extrem langsame Bewegungstempo und Menschentrauben-Slalom aber etwas gebremst. Gerne wieder?
Die Fotos sind von mir, soweit ich sie nicht von Verllagsprospekten oder Büchern eingescannt habe.
Am Stand des Passagen-Verlags sprach ich mit einem Mitarbeiter über Jacques Derrida, von dem ich kürzlich das Buch Préjugés, „Vor dem Gesetz“ gelesen habe. Wien 2017, 5. Durchgesehene Auflage. Die Dekonstruktion des Kafkatextes „Vor dem Gesetz“ ist ein Paradebespiel für diese von Derrida eingeführte Methode. Sie klingt wie eine Verallgemeinerung, stellt aber auch den Situationsbezug eines literarischen Textes heraus. Die Übersetzungsarbeit des Verlages ist eine herausragende Leistung für den innereuropäischen Dialog. Hierzu lohnt sich sicher mal: Peter Engelmann, Das Passagen Projekt, Mit Büchern philosophieren. 2022.
Am Verlag von Matthes und Seitz, Berlin bin ich nicht besonders fündig geworden. Im Moment scheint Magie, Schamanismus und Naturliebe im Vordergrund zu stehen.
Es bleibt bunt. Vor einem Stand beginne ich ein Gespräch über den „Begriff des Denkens“. Stefan Engel erklärte mir den Begriff der „Denkweise“. Da er jedoch immer das Wort „Sozialismus“ für die Zeit der DDR verwendete, konnte ich mit ihm nicht übereinstimmen. Die hier vorgestellte Art des Kommunismus kommt mir etwas verstaubt vor. Scheint der MLPD nahe zu stehen.
Am Stand von UTB sehe ich Das Neue Nietzsche Handbuch von Christian NIemeyer, das ich demnächst rezensieren werde. Im Verlagsprospekt UTB sind Theologie und Philosophie nebeneinander. Dazu auch das Querschnittsthema Kommunikation und Rhetorik.
Bei Duncker+Humblot, Berlin fällt mir ein Buch auf über 1933: Lothar Machtan: Die Januarverbrecher, Wie Hitler 1933 an die Macht kam, erschienen 2026. Aus der Ankündigung: „Ein Lehrstück, das zeigt, was passieren kann, wenn einer demokratisch verfassten Herrschaftsform die Kontrolle der Macht entgleitet.“
Der Verlag von Katapult war recht groß geworden. Die Bücher und Zeitschriften werden gut angenommen.
Am Stand von J. B. Metzler finde ich das Buch „Nietzsches Zarathustra“. Ich fotografiere es und nehme mir vor, es nach der Buchmesse sofort zu bestellen. Und es ist inzwischen auch schon hier, nicht als Rezensionsexemplar, dann kann ich mir damit etwas Zeit lassen.
Drei Zufallsfunde am Schluss.
Auf der Agora, dem zentralen Marktplatz befinden sich bei der Buchmesse Verpflegungsstände. Dort hatte jemand Kataloge des Jugendbuchverlages Moonwalker Verlag verteilt, Kinderbücher mit pädagogischem Anspruch. Ich bestelle mir „Lennis Leuchten, Thema Mobbing, Selbstwert.
Im Bereich der Englischsprachigen Verlage finde ich an einem Stand, der sonst mehr über PC und Internet arbeitet, ein Buch mit Lego Modellen: Building Lego Worlds, 130+ Models, Jeff Friesen.
Passend dazu begegnet mir ganz gegen Ende unseres Rundgangs der „Held der Steine“ aus Frankfurt, dessen Videos auf Youtube ich eine Zeit sehr gern angeschaut habe. Der Stand war gut bevölkert, so dass wir schnell weitergingen.
Noch eine Ergänzung: Von einem englischsprachigen Jugendverlag habe ich interessehalber ein Buch über Kylian Mbappe bestellt aus der Reihe Football Rising Stars von Harry Meredith. Das Buch wird mit einem Hörbuch versehen, das über einen QRCode aufgerufen wird. Zum Text gehört ein Abschnitt mit Glossary (Meaning of the Words).
Zum Schluss. Mit Massen kann ich umgehen, suche dann aber möglichst den ruhigen Weg. Die Ordnung der Verlage hat mich hingegen irritiert. Politik und Literatur habe ich gefunden, Religion und gesellschaftliche Institutionen eher nicht. Die Information zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels kam ich eher über die Medien mit. Trotzdem, die Buchmesse lohnt sich. Vielleicht sollte man aber mal nach Leipzig fahren. Das ist bestimmt weniger überlaufen.
Die Ausstellung teilt sich in zwei Projekte, einer Ausstellung von Kunst und Projektinstallationen in zwölf Kirchen des Ruhrgebiets die allesamt außer Dienst gestellt sind, aber noch als (Kirchen-)gebäude vorhanden. Hierzu ist ein Katalog erschienen, den ich hiermit vorstellen möchte:
Dieses Buch erscheint anlässlich der Manifesta 16 Ruhr, der Europäischen Nomadischen Biennale, 21.06. – 04.10.2026, Hrsg. Von Manifesta 16 Ruhr, Koordiniert von Christoph Jehlicka, Anna Thornton, u. a. Verlag Kettler, Bönen, 1. Auflage August 2026, www.verlag-kettler.de, Paperbeck, 384 Seiten, ISBN: 978-3-98741-251-6 (print)
Hier nicht besprochen: Begleitband zu Manifesta 16 Ruhr, Das ist keine Kirche. Urban Vision. Auch als Doppelband erhältlich.
Die Ausstellung Manifesta (Biennale) ist zunächst unauffällig. Sie nutzt kein vorhandenes Ausstellungsgebäude, sondern zieht sozusagen in eine Region ein. Diese Ausstellungsräume sind in diesem Fall leer gefallene Kirchen oder von Schließung bedrohte. Damit ist zugleich ein Thema vorgegeben: Welche Räume könnten der Quartiersentwicklung dienen, ohne dass sie von vornherein bestimmte Bevölkerungsgruppen ausschließen. Doch die Frage sei erlaubt, ob dies auf ein Kirchengebäude zutrifft. Zu einem einladendem und geöffneten Gebäude muss ein religiös geprägtes Gebäude erst noch werden: „Es besteht die Chance die vielfältigen Moleküle der künstlerischen Impulse aufzugreifen und zu Neuem zu verbinden, und so Kirchen in Räume zu verwandeln, durch die Nachbarschaften wieder zu Orten der sozialen Kohäsion werden – und die mit den Menschen vor Ort geplant und gelebt werden.“ (Prof. Dr. Reneé Tribble, TU Dortmund, S. 33)
Einige Kirchen der Ausstellung Manifesta 16 Ruhr sind noch sehr geprägt von der religiösen Nutzung, sind vielleicht noch gar nicht entwidmet, andere sind aufgegeben und stehen schon länger leer, sollen womöglich abgerissen werden, während wiederum andere vielleicht schon als soziale oder kulturelle Treffpunkte dienen. Für alle trifft zu, was Peter Köddermann schreibt: „… Kirchen besitzen etwas Numinoses. Gemeint ist damit: Sie strahlen etwas Geheimnisvolles aus, auch wenn sie nicht mehr zur Glaubensausübung genutzt werden … Sicher ist, die Gebäude (…) in der Hoffnung durch künstlerische Intervention in Szene gesetzt, erlebbar und wertvoller zu werden.“ (S. 35) Die Reflektion darüber zeigt auch Projekte für die Umnutzung der Kirchen, die nicht mehr als religiöses Gebäude funktionieren, aber ein Umfeld bieten, in dem kommunikative oder kulturelle Angebote denkbar sind oder gebraucht werden. Das Projekt Manifesta 16 Ruhr lädt die Kunst dazu ein, Impulse für solche Prozesse zu geben. Im Folgenden soll ein persönlicher Rundgang durch die Ausstellung dokumentiert werden. Videoprojekte die nur vor Ort erlebbar sind, müssen dabei außen vor bleiben. Ich möchte noch ergänzen, dass meine Darstellung vom Konzept der Dekonstruktion geprägt sein wird. Ich nehme Impulse auf, setze aber auch kritische Beobachtungen dagegen. Manchmal müssen Dissonanzen ausgehalten werden. Kunst muss heute nicht mehr harmonisch oder schön sein.
Kulturkirche Liebfrauen Duisburg, ab S. 40.
Diese ehemalige katholische Zentralkirche in Duisburg ist seit 2011 Kunstzentrum. Etwas erstaunlich ist, dass im Untergeschoss ein schlichter Gottesdienstraum in Funktion ist. Dann ist es schon etwas makaber, wenn im Treppenhaus das Schild hängt: „Das ist keine Kirche“. Foto: Christoph Fleischer, 2026
Der Zentralraum im Obergeschoss bietet die Installation von Abbas Zahedi, London, geb. 1984, Orgelpfeifen mit Belüftungssystem „Ouranophobia 47051, 2026“. Diese Installation ist unüberhörbar. Dazu erklärt der Katalog: „Pfeifen der Orgel der St.-Nikolaus-Kirche in Kiew – 2021 durch Brand zerstört- bilden die Grundlage für Zahedis Konstruktion.“ (S. 44), Foto s.o.
Zusätzlich sei noch eine Installation herausgegriffen, die einen Bezug zum Ort herstellt: Emil Walde, Düsseldorf, geb. 1991, hat alte Scheiben aus dem Umbau des Duisburger Bahnhofs abgezweigt, die entsorgt werden sollten. Im ehemaligen Kirchraum werden diese Scheiben den ursprünglichen Beichtstühlen zugeordnet, wodurch „intime Ecken der Ruhe und Besinnung“ entstehen. (S. 56), Foto: Christoph Fleischer, 2026
Markuskirche, Essen-Frohnhausen, ab S. 64
Die Markuskirche in Essen-Frohnhausen soll bald entweiht werden. Bis auf den Einbau der Ausstellung wirkt sie jedoch auffällig intakt. Architektonisch soll der Kirchsaal an ein Schiff erinnern. (vgl. Katalog, S. 67)
Augustas Serapinas, Vilnius, LT, geb. 1990, Pew Tower, 2026. Aus umgebauten vor Ort vorhandenen Kirchenbänken hat Augustas Serapinas einen begehbaren Turm gebaut. Vielleicht wäre dieser Turm auch als Kanzel geeignet, wodurch auch eine Rückkehr zur kirchlichen Nutzung denkbar wäre. In der Ausstellung dient dieser Holz-Turm dazu, den Raum anders wahrzunehmen. (eigene Deutung, Katalog, S. 76f) Fotos: Christoph Fleischer, 2026
St. Getrud, Essen-City, ab S. 78
Diese Präsentation ist die erste (Kirche) der Manifesta, die ich besucht habe und die mich neugierig gemacht hat auf das gesamte Projekt.
Wer den ehemaligen Kirchsaal betritt, ist verblüfft über die Einbauten aus weißem Ständerwerk; dort befinden sich Nischen, die offensichtlich als Atelier Verwendung finden (sollen). Darauf, dass hier ein offensichtlich grundlegendes Beispiel der räumlichen Umnutzung zu sehen ist, geht der Katalog nur ganz kurz ein. (Foto: Christoph Fleischer, 2026)
Zwei räumliche Installation greife ich exemplarisch heraus:
Donja Nasseri, Düsseldorf, geb. 1990, Mad Dogs, 2026. Mad Dogs ist eine skulpturale Installation an drei großen Halbkugeln…“, die im Inneren Lautsprecher enthalten. Im eigentlichen Foyer des oberen Bereichs dekorieren sie die bunten Glasfenster. (vgl. S.99), Foto: Christoph Fleischer, 2026
Nasan Tur, Berlin, geb. 1974, Elevation, 2026. Ehemalige Kirchenbänke werden vertikal im Raum aufgestellt. Diese Bänke sellen einen Raum dar, der „nicht von einer zentralen Instanz, sondern von vielen Menschen gemeinsam gestaltet wird.“ (vgl. S.105), Foto: Christoph Fleischer, 2026
St. Marien, Essen-Karnap, ab S. 106.
Diese mächtige moderne in Ziegelbauweise errichtete Kirche steht offensichtlich schon länger leer, da bereits Fenster durch Steinwürfe zerstört worden sind. Von außen erinnert die Kirche an einen Festungsbau, steht aber recht versteckt in einem Wohngebiet in Essen-Carnap.
William Engelen, Berlin, geb. 1964 mit Dagmara Genda: Unter der Orgelempore sind 148 Metallrohre aufgehängt, die abwechselnd angeschlagen werden können und damit einen Klangteppich verbreiten. Der leere Kirchenbau, einem sehr hohen Saal, kann als Klangraum erfahren werden. (vgl. S.110), Foto: Christoph Fleischer, 2026
Katharina Fritsch, Düsseldorf, geb. 1956, Birkenkreuz, 2026. Das weiße Holzkreuz kann in Beziehung zu den Buntglasfenstern gesehen werden. Das Kreuz Gedächtnis zurück. (vgl. S. 113-115). Foto: Christoph Fleischer, 2026
St. Josef, Gelsenkirchen-Ückendorf (ab S. 130)
Diese riesige neugotische Hallen-Kirche ist etwa 150 Jahre alt. Sie steht erstaunlicherweise in westlicher Richtung, nicht in Richtung Sonnenaufgang wie seit der Romanik üblich.
Curro Claret Marti, Barcelona, geb. 1968, This Is Not a Church Pew, 2026. Das Team hat mit einem Team Kirchenbänke auseinandergenommen und in neuen Konstellationen zusammengeschraubt.
Das Duo Barber Palacios, Valencia, geb. 1968, präsentiert einen ständigen Glockenklang in der gesamten Kirche.
Penique Productions, Möglich Unvorhersehbar, 2026. Sergi Arbusa, geb. 1987. Die Kirche St. Josef ist ausgeräumt und im Innenraum vollständig mit Plastikfolie ausgefüllt, die ständig mit Luft aufgefüllt wird. (Fotos: Christoph Fleischer, 2026)
Ergänzen möchte ich hier ein Projekt, dessen Ergebnisse in der Kirche St. Josef ausgestellt sind, im Katalog aber unter dem Kapitel „Communities und Bildung“ aufgeführt sind: Havin Al-Sindy, Kuli (Locust) 2026 (vgl. S.358ff). Gezeigt wird eine ca.2m große Heuschrecke, die an Stangen getragen werden kann. Schüler*innen der Gesamtschule Gelsenkirchen haben darüber hinaus tausende einzelne Heuschrecken aus Papier gefaltet, die an Fäden aufgehängt, einen Schwarm bilden. (Siehe Fotos von Christoph Fleischer, 2026)
Die folgenden Ausstellungsorte in Kurzfassung:
St. Anna – Hatay Engin Musikhalle, Gelsenkirchen-Schalke.
Schwerpunkt ist hier die Musik der Gastarbeiter*innen. Emre Abut hat eine Musikinstallation aufgebaut, die einen authentischen Höreindruck vermittelt.
Foto: Christoph Fleischer, 2026)
St. Bonifatius – Ferdane Satir Teegarten, Gelsenkirchen-Buer-Erle.
Neben der in Holzkästen angebauten Tee-Pflanzen sind hier die zahlreichen Gemälde auffällig, die im ehemaligen Kirchraum als Ausstellung gezeigt werden. Thema ist die Spannung zwischen der neuen und alten Heimat.
Beispiel: Merve Kaplan, geb. 1997: Yoldas, 2025. „Durch ihre räumliche Gestaltung schafft die Installation eine Übergangswelt…“ (vgl. S.192ff). Foto: Christoph Fleischer, 2026
Foto: Christoph Fleischer, zeigt: Manifesta 16 Ruhr, Das ist keine Kirche, hier: Gelsenkirchen, St. Bonifatius, Ferdane Sativ Teegrten, Motiv: Merve Kaplan, geb. 1997, Yoldas, 2025
Thomaskirche – Hava Gülec Wohnzimmer, Gelsenkirchen-Buer.
Textile Arbeiten stehen hier im Mittelpunkt, die im Gedenken an „Gastarbeiter*innen“ hergestellt wurden. Auch hier werden Kirchenbänke in Ausstellungsständer umfunktioniert.
Christ-König, Bochum.
Die erst 1932 errichtete Kirche wurde kriegsbedingt 1944 zerstört und dann bis 1957 wiedererrichtet. Möglicherweise war hier eine franziskanische Gemeinschaft, die Nähe zu Menschen der arbeitenden Bevölkerung gesucht hat.
Auffällig ist die Installation von Eva Kolatkova, Prag, geb. 1982 „When Animal Fall from the Sky. 2026. Der Boden ist dekoriert mit vom Himmel gefallenen Vögeln, meist schwarzen Krähen. Foto: Christoph Fleischer, 2026
St. Anna, Bochum.
Die Kirche steht in der Nähe des ehemaligen Stahlstandorts Stahlhausen.
Gethsemane-Kirche, Bochum.
Auffallend im Nachkriegsstil errichtete leer gefallene Ev. Kirche.
St. Ludgerus, Bochum-Langendreer.
Die Turnhalle erinnernde Installation eingerichtet. Vielleicht könnte es daran erinnern, dass Kirchengebäude nach ihrer kirchlichen Nutzung auch dem Breitensport zur Verfügung stehen könnten oder als Kletterhalle funktionieren könnten. Foto: Christoph Fleischer, 2026
Wir verwenden Cookies, um unsere Website und unseren Service zu optimieren.
Funktional
Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugang ist unbedingt erforderlich für den rechtmäßigen Zweck, die Nutzung eines bestimmten Dienstes zu ermöglichen, der vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich gewünscht wird, oder für den alleinigen Zweck, die Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz durchzuführen.
Vorlieben
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den rechtmäßigen Zweck der Speicherung von Präferenzen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Benutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt.Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu anonymen statistischen Zwecken verwendet wird. Ohne eine Vorladung, die freiwillige Zustimmung deines Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen allein in der Regel nicht dazu verwendet werden, dich zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg zu ähnlichen Marketingzwecken zu verfolgen.
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.